| Geboren | 1799 (Tonbridge) |
| Gestorben | 1871 (Halstead Place) |
| Nationalität | Vereinigtes Königreich |
| Genre | figürliche Kunst |
| Beruf | Fotograf, Illustrator, Botaniker, Schriftsteller, Pflanzensammler, wissenschaftlicher Sammler |
| Familie | Vater: John George Children Ehepartner/in: John Pelly Atkins |
| Mitgliedschaften | Botanical Society of the British Isles |
| Bekannte Werke | Ferns. Specimen of Cyanotype (1840), Spiraea aruncus (Tyrol) (1851), Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions (1843), Rhodomenia Polycarpa (1853), Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions (1853) |
| Museen | Museum of Fine Arts, Houston, Yale University Art Gallery, Metropolitan Museum of Art, Clark Art Institute, J. Paul Getty Museum |
An guten Tagen genügten fünf Minuten Sonne, an trüben eine Viertelstunde, dann hatte das Licht eine Alge gezeichnet. Anna Atkins, britische Botanikerin und Pionierin der Fotografie, sammelte die Pflanzen selbst, spülte sie am Strand, säuberte sie zu Hause mit Pinzette und Marderhaarpinsel, presste und trocknete sie. Das getrocknete Exemplar kam unter Glas auf lichtempfindlich präpariertes Papier, der Kopierrahmen in die Sonne. Erst im Wasserbad schlug das Papier von Gelbgrün in tiefes Berliner Blau um, und auf dem Blau erschien, weiß und haarfein, die Pflanze. Der Umweg hatte einen Grund: Die zartesten Algen ließen sich mit dem Zeichenstift nicht genau genug wiedergeben. Also griff Atkins auf die Cyanotypie zurück, ein Blaudruckverfahren, das John Herschel, ein Bekannter ihres Vaters, 1842 veröffentlicht hatte, und ließ die Gewächse sich selbst abbilden.
Anna Atkins stammte aus Tonbridge in Kent, geboren am 16. März 1799; die Mutter starb, als das Kind kaum zwanzig Monate alt war. Der Vater, der Naturforscher John George Children vom British Museum, ließ die Tochter an seiner Wissenschaft teilhaben; Anfang der 1820er Jahre zeichnete Anna mehr als 250 Muschel-Illustrationen für dessen Übersetzung eines Werks des französischen Naturforschers Lamarck. Später führte sie ein eigenes Herbarium, eine Sammlung gepresster Pflanzen, und schickte Belegblätter an die Königlichen Gärten in Kew bei London; 1839 nahm die Botanical Society of London sie als eine der ersten Frauen auf. Verheiratet war sie seit 1825 mit dem Londoner Kaufmann John Pelly Atkins; zu dessen Westindien-Geschäft gehörten Kaffeeplantagen in Jamaika, auf denen versklavte Menschen gearbeitet hatten. Die Ehe blieb kinderlos; gelebt wurde in London und in Halstead Place bei Sevenoaks.
Im Oktober 1843 verschickte sie die erste Teillieferung von „Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions“. Es war das erste Buch der Geschichte, das mit Fotografien illustriert war, rund acht Monate vor „The Pencil of Nature“ des Fotografie-Pioniers William Henry Fox Talbot. Verkauft wurde es nie; die Lieferungen gingen über zehn Jahre hinweg privat an Institutionen und Fachleute, darunter die Royal Society, das British Museum und die botanischen Gärten. Weil jeder Empfänger selbst binden ließ, gleicht kein erhaltenes Exemplar dem anderen. Gedruckte Lettern sucht man darin vergebens; Titelblatt, Vorwort und sämtliche Bildunterschriften sind Cyanotypien ihrer Handschrift. Die beschrifteten Zettel wurden in Öl getränkt, bis das Papier durchscheinend wurde und nur die Tinte das Licht abhielt. Nach Schätzung der Forschung führte sie für die wenigen Exemplare rund sechstausend Belichtungen eigenhändig aus.
„Halydrys siliquosa, ca. 1853“ stammt aus diesem Algenwerk. Ein Meertang steigt darin vom unteren Rand auf und trägt schotenförmige Blasen; jede Abzweigung liegt frei und scharf im Blau. Mit dem Tod des Vaters 1852 wechselte die Arbeit den Ton. Den Sommer darauf verbrachte sie mit ihrer Jugendfreundin Anne Dixon beim Pflanzensammeln; aus dem wissenschaftlichen Lieferwerk wurden private Widmungsalben, und die Tafeln wurden größer, weil Farne mehr Platz brauchen als Algen. 1853 entstand ein Album britischer und fremder Farne, 1854 eines mit Blütenpflanzen und Farnen für Anne Dixon, 1861 ein drittes für Anne Dixons Neffen. „Leucojam Varium von Anna Atkins“, gemeinsam mit Anne Dixon gefertigt, gehört ins Album von 1854. Zwei sternförmige Blüten neigen sich auseinander, zwei schmale Blätter spannen ein hohes V, und unten hängt die Zwiebel im Blau; der Titel bewahrt die eigenwillige Schreibweise des Blattes, Leucojam statt des botanisch üblichen Leucojum. Ebenfalls im Bestand: „Neuseeland“, ein Farnwedel, der sich in immer feinere Fiedern zerlegt, von ihrer Hand mit New Zealand beschriftet; aus welchem Album es stammt, lässt sich nicht sicher sagen, doch seine Fiederung wirkt im Weiß auf Blau wie feinste Spitze.
In diesen Jahren schrieb sie auch Romane: Den Anfang machte 1852 „The Perils of Fashion“; 1865 schenkte sie ihre Pflanzensammlung dem British Museum. Sie starb am 9. Juni 1871 in Halstead Place bei Sevenoaks. Ihr Nachruf rühmte eine liebenswürdige und wohltätige Dame; von den blauen Blättern stand darin kein Wort. Sie selbst hatte ihr Vorwort nur mit „A. A.“ gezeichnet, und später deutete man die Initialen als „anonymous amateur“, einen anonymen Amateur. Erst die Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts, allen voran der Fotohistoriker Larry J. Schaaf, brachte Werk und Namen wieder zusammen; 2018/19 zeigte die New York Public Library ihre Blätter unter dem Titel „Blue Prints“ einem großen Publikum.
Zu sehen sind die Originale trotzdem selten. Die erhaltenen Bände liegen in Bibliotheken und Sammlungen, und weil das Berliner Blau lichtempfindlich ist, darf so ein Blatt nur wenige Wochen ins Museumslicht, dann wandert es zurück ins Depot. Ein Kunstdruck kehrt dieses Verhältnis um; an der eigenen Wand bekommt eines ihrer Blätter zum ersten Mal tägliches Publikum, jahrein, jahraus. Dieser Gedanke gefällt uns bei Meisterdrucke: Anna Atkins verschenkte ihre Blätter zeitlebens, statt sie zu verkaufen - und nun hängt ihr Blau dort, wo täglich jemand hinsieht.
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| Geboren | 1799 (Tonbridge) |
| Gestorben | 1871 (Halstead Place) |
| Nationalität | Vereinigtes Königreich |
| Genre | figürliche Kunst |
| Beruf | Fotograf, Illustrator, Botaniker, Schriftsteller, Pflanzensammler, wissenschaftlicher Sammler |
| Familie | Vater: John George Children Ehepartner/in: John Pelly Atkins |
| Mitgliedschaften | Botanical Society of the British Isles |
| Bekannte Werke | Ferns. Specimen of Cyanotype (1840), Spiraea aruncus (Tyrol) (1851), Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions (1843), Rhodomenia Polycarpa (1853), Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions (1853) |
| Museen | Museum of Fine Arts, Houston, Yale University Art Gallery, Metropolitan Museum of Art, Clark Art Institute, J. Paul Getty Museum |
An guten Tagen genügten fünf Minuten Sonne, an trüben eine Viertelstunde, dann hatte das Licht eine Alge gezeichnet. Anna Atkins, britische Botanikerin und Pionierin der Fotografie, sammelte die Pflanzen selbst, spülte sie am Strand, säuberte sie zu Hause mit Pinzette und Marderhaarpinsel, presste und trocknete sie. Das getrocknete Exemplar kam unter Glas auf lichtempfindlich präpariertes Papier, der Kopierrahmen in die Sonne. Erst im Wasserbad schlug das Papier von Gelbgrün in tiefes Berliner Blau um, und auf dem Blau erschien, weiß und haarfein, die Pflanze. Der Umweg hatte einen Grund: Die zartesten Algen ließen sich mit dem Zeichenstift nicht genau genug wiedergeben. Also griff Atkins auf die Cyanotypie zurück, ein Blaudruckverfahren, das John Herschel, ein Bekannter ihres Vaters, 1842 veröffentlicht hatte, und ließ die Gewächse sich selbst abbilden.
Anna Atkins stammte aus Tonbridge in Kent, geboren am 16. März 1799; die Mutter starb, als das Kind kaum zwanzig Monate alt war. Der Vater, der Naturforscher John George Children vom British Museum, ließ die Tochter an seiner Wissenschaft teilhaben; Anfang der 1820er Jahre zeichnete Anna mehr als 250 Muschel-Illustrationen für dessen Übersetzung eines Werks des französischen Naturforschers Lamarck. Später führte sie ein eigenes Herbarium, eine Sammlung gepresster Pflanzen, und schickte Belegblätter an die Königlichen Gärten in Kew bei London; 1839 nahm die Botanical Society of London sie als eine der ersten Frauen auf. Verheiratet war sie seit 1825 mit dem Londoner Kaufmann John Pelly Atkins; zu dessen Westindien-Geschäft gehörten Kaffeeplantagen in Jamaika, auf denen versklavte Menschen gearbeitet hatten. Die Ehe blieb kinderlos; gelebt wurde in London und in Halstead Place bei Sevenoaks.
Im Oktober 1843 verschickte sie die erste Teillieferung von „Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions“. Es war das erste Buch der Geschichte, das mit Fotografien illustriert war, rund acht Monate vor „The Pencil of Nature“ des Fotografie-Pioniers William Henry Fox Talbot. Verkauft wurde es nie; die Lieferungen gingen über zehn Jahre hinweg privat an Institutionen und Fachleute, darunter die Royal Society, das British Museum und die botanischen Gärten. Weil jeder Empfänger selbst binden ließ, gleicht kein erhaltenes Exemplar dem anderen. Gedruckte Lettern sucht man darin vergebens; Titelblatt, Vorwort und sämtliche Bildunterschriften sind Cyanotypien ihrer Handschrift. Die beschrifteten Zettel wurden in Öl getränkt, bis das Papier durchscheinend wurde und nur die Tinte das Licht abhielt. Nach Schätzung der Forschung führte sie für die wenigen Exemplare rund sechstausend Belichtungen eigenhändig aus.
„Halydrys siliquosa, ca. 1853“ stammt aus diesem Algenwerk. Ein Meertang steigt darin vom unteren Rand auf und trägt schotenförmige Blasen; jede Abzweigung liegt frei und scharf im Blau. Mit dem Tod des Vaters 1852 wechselte die Arbeit den Ton. Den Sommer darauf verbrachte sie mit ihrer Jugendfreundin Anne Dixon beim Pflanzensammeln; aus dem wissenschaftlichen Lieferwerk wurden private Widmungsalben, und die Tafeln wurden größer, weil Farne mehr Platz brauchen als Algen. 1853 entstand ein Album britischer und fremder Farne, 1854 eines mit Blütenpflanzen und Farnen für Anne Dixon, 1861 ein drittes für Anne Dixons Neffen. „Leucojam Varium von Anna Atkins“, gemeinsam mit Anne Dixon gefertigt, gehört ins Album von 1854. Zwei sternförmige Blüten neigen sich auseinander, zwei schmale Blätter spannen ein hohes V, und unten hängt die Zwiebel im Blau; der Titel bewahrt die eigenwillige Schreibweise des Blattes, Leucojam statt des botanisch üblichen Leucojum. Ebenfalls im Bestand: „Neuseeland“, ein Farnwedel, der sich in immer feinere Fiedern zerlegt, von ihrer Hand mit New Zealand beschriftet; aus welchem Album es stammt, lässt sich nicht sicher sagen, doch seine Fiederung wirkt im Weiß auf Blau wie feinste Spitze.
In diesen Jahren schrieb sie auch Romane: Den Anfang machte 1852 „The Perils of Fashion“; 1865 schenkte sie ihre Pflanzensammlung dem British Museum. Sie starb am 9. Juni 1871 in Halstead Place bei Sevenoaks. Ihr Nachruf rühmte eine liebenswürdige und wohltätige Dame; von den blauen Blättern stand darin kein Wort. Sie selbst hatte ihr Vorwort nur mit „A. A.“ gezeichnet, und später deutete man die Initialen als „anonymous amateur“, einen anonymen Amateur. Erst die Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts, allen voran der Fotohistoriker Larry J. Schaaf, brachte Werk und Namen wieder zusammen; 2018/19 zeigte die New York Public Library ihre Blätter unter dem Titel „Blue Prints“ einem großen Publikum.
Zu sehen sind die Originale trotzdem selten. Die erhaltenen Bände liegen in Bibliotheken und Sammlungen, und weil das Berliner Blau lichtempfindlich ist, darf so ein Blatt nur wenige Wochen ins Museumslicht, dann wandert es zurück ins Depot. Ein Kunstdruck kehrt dieses Verhältnis um; an der eigenen Wand bekommt eines ihrer Blätter zum ersten Mal tägliches Publikum, jahrein, jahraus. Dieser Gedanke gefällt uns bei Meisterdrucke: Anna Atkins verschenkte ihre Blätter zeitlebens, statt sie zu verkaufen - und nun hängt ihr Blau dort, wo täglich jemand hinsieht.