Eine junge Frau liest, ganz in ihr Buch versunken - so tief, dass sie den Betrachter gar nicht bemerkt. Pierre-Auguste Renoir malt „Lesendes Mädchen" (auch „La liseuse") 1874, im Gründungsjahr des Impressionismus und das Bild fängt genau das ein, wofür diese Bewegung steht: einen alltäglichen Augenblick, festgehalten in schnellem, lockerem Farbauftrag. Das Licht kommt hier nicht von außen, sondern scheinbar aus dem Buch selbst - die hellen Seiten werfen einen warmen Schein nach oben auf das gesenkte Gesicht, den orangeroten Jabot am Kragen und das blonde, hochgesteckte Haar. Die Wangen erscheinen in Rosa- und Pfirsichtönen, die Lippen leicht geöffnet, die Augen fast geschlossen unter dunklen Wimpern. Dagegen setzt Renoir das tiefe Blauschwarz der Kleidung und einen skizzenhaften Hintergrund in Blaugrau, in dem sich links ein heller Fensterstreifen andeutet. Das Original in Öl auf Leinwand hängt heute im Musée d'Orsay in Paris und gilt als eines der intimsten Porträts des Malers - keine Pose, keine Inszenierung, nur Konzentration und Wärme.
Diese Ausführung hat 40 x 50 cm und entsteht auf Leonardo, einer satinierten Leinwand, die dem Ölcharakter des Originals erstaunlich nah kommt. Am stärksten sieht man das dort, wo das Buchlicht auf den Jabot trifft: Orangerote und gelbe Striche stehen sichtbar übereinander, man kann Renoirs Pinselrichtung nachverfolgen, wie er das Leuchten in kurzen, fast flackernden Zügen aufgebaut hat. Auch im Gesicht überträgt der Druck mehr, als man auf Abstand vermutet - feine Risse des gealterten Farbfilms ziehen sich über Stirn und Wange, das Krakelee des Originals bleibt als zartes Netz erkennbar, ohne die weichen Hauttöne zu stören. An der Hand, die das Buch hält, verschwimmen die Finger in genau jener Unschärfe, die Renoir gewollt hat. Der Druck macht daraus keine harte Kante, sondern lässt den Übergang zwischen Haut und dunklem Einband offen. An dieser Stelle bleibt man tatsächlich hängen. Selbst die Signatur am linken Bildrand, halb im Blaugrau des Hintergrunds versunken, ist lesbar. Passepartout und Glas fehlen bewusst - nichts steht zwischen dem Betrachter und der Oberfläche.
Der Keilrahmen trägt das Motiv gespiegelt um die Kanten weiter: An der Seite läuft das dunkle Blau des Hintergrunds mit seinen gelblichen Einsprengseln über die Kante, oben setzt sich der bewegte Pinselduktus fort. So hängt das Stück rahmenlos an der Wand, und die Bildfläche endet nirgends abrupt - an der oberen Ecke schließt das Gewebe sauber um die Kante, die Falte sitzt genau im Eck. Eine schlichte Lösung, die dem leisen Motiv gut steht.