Mitten in einem Feld aus senkrechten Linien schließen sich zwei Körper zu einer dunklen, kaum noch geteilten Form zusammen. Die Köpfe neigen sich gegeneinander, doch wo ein Gesicht endet und das andere beginnt, lässt Edvard Munch offen: Helle Partien markieren Stirn, Wange und Hände, während der Kuss selbst in Schwarz versinkt. Selbst die Arme geben ihre Eigenständigkeit auf und schrumpfen zu ein paar Bögen innerhalb der gemeinsamen Silhouette. Ringsum ziehen graue Linien wie eine Wand herab; rechts unterbricht nur eine kleine ovale Maserung ihren gleichmäßigen Lauf. Die Szene erzählt deshalb weniger von zwei bestimmten Menschen als von jenem Augenblick, in dem Nähe die Grenzen des Einzelnen aufhebt. Innig, ja, aber auch ein wenig beunruhigend, ganz im Sinne Munchs, der als Wegbereiter des Expressionismus Gefühle nicht ausmalt, sondern auf einfache Formen und starke Gegensätze verdichtet. In der Fassung von 1902 hat der Kuss nichts Anekdotisches mehr. Übrig bleibt eine menschliche Erfahrung, knapp und beinahe körperlich formuliert.
Bei dieser Anfertigung macht Kozo Natural mit seinen 110 g den eigentlichen Unterschied, und das merkt man schon beim ersten Anfassen. Das japanische Papier aus den langen Fasern des Papiermaulbeerbaums fühlt sich trocken, weich und leicht faserig an; nicht glatt wie modernes Druckpapier, eher wie ein dünnes Blatt mit erstaunlich viel Substanz unter den Fingerspitzen. Wer mit Fotopapier gerechnet hat, wird sich kurz umgewöhnen müssen. Sichtbar wird das vor allem in den unbedruckten Rändern und in den hellen Gesichtsflächen: Der warme Naturton ersetzt reines Weiß, kleine Fasern und sanfte Unebenheiten nehmen den Flächen jede sterile Geschlossenheit. Und das passt zu Munchs Linien besser, als wir vorher gedacht hätten. Sie sitzen nicht bloß auf dem Grund, sondern scheinen sich mit ihm zu verbinden, sodass die ineinander übergehenden Gesichter noch weniger wie abgegrenzte Porträts aussehen. Ohne Passepartout rückt das Blatt nah an die schwarze Einfassung; ohne Glas bleibt seine matte Oberfläche offen liegen. An der Wand hat das annähernd quadratische Stück genug Gewicht, um aus einiger Entfernung als kompakte Figur zu wirken, und wird nahbar, sobald man dicht genug steht, um die Papierfasern zu sehen. An diesem Hin und Her zwischen Fernwirkung und Nähe bleibt man hängen.
Dacey setzt darum nur einen schmalen Abschluss in Schwarz und lässt dem Blatt den Raum. Kommt Licht von der Seite über Kozo Natural, wandert kein harter Reflex über das Motiv; stattdessen hellen sich einzelne Fasern leise auf, und genau dieses leise Flackern steht Munchs verschmolzenen Gesichtern gut.