Eine Frau sitzt mit dem Rücken zum Betrachter am Klavier, das dunkle Kleid hebt sich kaum vom Instrument ab, und alles andere im Raum schweigt mit ihr: die grau-violette Wand mit ihren zwei kleinen Bildern, die Petroleumlampe, der weiß gedeckte Tisch mit zwei Tellern und einem Stück Butter. Vilhelm Hammershøi malt diese Szene 1901 in seiner Wohnung in der Strandgade 30 in Kopenhagen - jenem Interieur, das er über Jahre in immer neuen Varianten festhält, meist mit seiner Frau Ida als Rückenfigur. Es passiert nichts, und gerade das trägt das Bild. Kaum Handlung, dafür Licht, Raum und diese gedämpften Grau-, Beige- und Weißtöne, die den dänischen Maler zu einer eigenen Stimme zwischen Symbolismus und moderner Stille machen. Man hört die Szene fast: ein Raum, in dem gleich gespielt wird - oder gerade nicht mehr.
Spannend an dieser Anfertigung ist vor allem die Kombination und da lohnt ein genauer Blick auf den Rahmen. Vitura ist eine schwarze Holzleiste in Hochglanz, gute neun Zentimeter breit, mit barock geschwungenem Ornament, das im Licht regelrecht arbeitet: Je nachdem, wie man davorsteht, blitzen andere Stellen des Reliefs auf. Zu diesem extrem ruhigen Motiv ist das ein deutlicher Gegensatz, zugegeben, aber er funktioniert überraschend gut. Das tiefe Schwarz holt die hellen Flächen aus dem Bild heraus, das weiße Tischtuch und die Teller leuchten dadurch stärker und die opulente Profilierung gibt dem kargen Interieur einen Auftritt, den es sich selbst nie gönnen würde. Innerhalb der Bildfläche bleibt der Blick am kleinen Butterstück hängen, dem einzigen warmen Farbfleck der ganzen Szene - im Druck auf der Leinwand Leonardo sitzt dieses Gelb genauso beiläufig, wie Hammershøi es hingesetzt hat, mit dem weichen Schattenrand des Tellers darunter. Auch die hellen Streben der Stuhllehne vor dem dunklen Klavierkorpus kommen sauber heraus, ohne hart zu wirken; die satinierte Oberfläche lässt die gedämpften Töne matt genug, dass nichts von der Stille verloren geht. Passepartout und Glas fehlen bei dieser Ausführung bewusst - das Motiv steht direkt in der schwarzen Fassung, was den Kontrast noch einmal verschärft.
Hammershøis Kunst besteht darin, aus fast nichts einen ganzen Raum voller Spannung zu bauen - und diese Reproduktion hält genau das aus: Die feinen Abstufungen zwischen Grau, Beige und Weiß bleiben unterscheidbar, bis hin zur kleinen Signatur am unteren Rand. Dass ausgerechnet ein glänzender Zierrahmen dieser Stille standhält, statt sie zu übertönen, ist die eigentliche Entdeckung an diesem Stück.