Rote Mohnblüten dominieren den oberen Teil des Straußes, dazwischen weiße und rosafarbene Blüten, ein gelber Tupfer, vereinzelt Kornblumenblau - und trotzdem wirkt nichts davon laut. Ich finde spannend, dass dieses Stillleben mit seinen kräftigen Farben eher weich und fast traumartig bleibt, als hätte jemand die Blumen aus der Erinnerung gemalt statt vom Tisch. Odilon Redon, geboren 1840 in Frankreich, gehört zu den Symbolisten; er verbindet genaue Naturbeobachtung mit einer poetischen, nach innen gerichteten Bildwelt, und genau diese Mischung trägt das Motiv. Die Blüten stehen in einer schlichten, hellgrauen Vase auf einer rosa getönten Fläche, dahinter breitet sich ein olivbrauner Grund aus, in dem sich Stiele und Gräser nur andeuten. Kein botanisches Inventar, keine sachliche Aufzählung von Arten - stattdessen schwebende Farbflecken, die sich erst mit etwas Abstand zu Mohn, Rosen und Nelken ordnen. Den stärksten Akzent setzen die Mohnblumen, ihre schwarzen Blütenzentren sind das Dunkelste im ganzen Bild. Alles andere bleibt gedämpft und erdig. Redon malt hier weniger einen Strauß als eine Stimmung, und das unterscheidet dieses Blumenbild von den meisten seiner Zeit.
An der hellen Wand entfaltet die gerahmte Leinwand eine ruhige, aufrechte Präsenz - das Hochformat streckt den Strauß, die Vase sitzt fest im unteren Drittel, darüber öffnet sich der dunkle Grund wie ein eigener Raum. Der schmale Goldrahmen Noemi misst nur wenige Millimeter mehr als eine Fingerbreite; seine zarte Ornamentkante und die dezente Patinierung geben dem Bild einen klassischen Abschluss, ohne die Blüten einzuengen. Ein breiter, schwerer Goldrahmen würde dieses Motiv erdrücken - dieser hier zeichnet nur eine feine Linie um die Farbfläche. Mit 64 x 80 cm behauptet sich das Stück auch aus einigen Metern Entfernung, bleibt dabei aber wohnlich genug für Räume, die keine Museumswände sind. Gedruckt ist das Motiv auf eine matte Leinwand, auf Keilrahmen gezogen und mit seitlich gespiegelten Rändern - und gerade die matte Oberfläche erweist sich hier als kluge Entscheidung: Sie unterstützt die samtige, entrückte Wirkung der Blüten, statt ihnen einen Glanz überzustülpen, den Redons Malweise nie hatte. Selbst der aufgeraute, wolkige Grund behält so seine Tiefe, das Gewebe schimmert im Braun des Hintergrunds nur leise durch. Fällt Tageslicht schräg über die Fläche, bleibt der Druck vollkommen ruhig - kein Spiegeln, kein Aufblitzen, nur die goldene Kante fängt einen schmalen Lichtstreifen, während die Blüten in ihrer eigenen, halb wirklichen, halb geträumten Welt stehen bleiben. Man ertappt sich dabei, immer wieder zu den schwarzen Mohnzentren zurückzukehren - dort verankert sich der ganze Traum.