Ein Ara beugt sich vom Ast herab, als wolle er den Betrachter mustern. Sein Rücken glänzt tiefblau, die Brust leuchtet gelb, der schwarze Schnabel hängt schwer über der hellen Gesichtszeichnung. Um ihn herum bleibt das Blatt fast leer. Nur der Ast trägt Farbe, die Blätter darunter sind bloß angedeutet, in dünnen Grautönen skizziert. Diese Ungleichzeitigkeit ist typisch für Edward Lear. Bevor er mit seinen Nonsens-Versen berühmt wurde, zeichnete der junge Engländer Papageien nach lebenden Tieren, nicht nach Bälgen, wie es damals üblich war. Er saß in der Menagerie der Londoner Zoologischen Gesellschaft und beobachtete. Man sieht das dem Vogel an. Das Gefieder wirkt nicht konstruiert, sondern gesehen: jede Feder am gelben Hals einzeln gelegt, das Auge wach, die Krallen fest um den Ast geschlossen. Unter dem Motiv steht die alte Beschriftung mit dem lateinischen Namen, wie auf den historischen Tafeln. Der Blaulatzara gehört heute zu den bedrohten Arten. Auch das gibt dem Blatt im Rückblick ein anderes Gewicht.
Für diese Anfertigung liegt Lears Blatt auf Leinwand, genauer auf Leonardo mit satinierter Oberfläche. Der Kunde hat auf Passepartout und Glas verzichtet - und das war richtig so, denn nun bleibt der Stoff offen sichtbar. Fährt man mit dem Blick über die hellen Flächen, tritt das feine Raster des Gewebes hervor, eine gleichmäßige Körnung, die dem leeren Papiergrund des Blattes etwas Körperhaftes gibt. Am dichtesten wird das am Kopf des Vogels: An der schwarzen Schnabelpartie sitzt die Druckschicht satt auf den Erhebungen des Stoffes und lässt die Vertiefungen dunkler stehen. Die blauen Federn wirken dadurch beinahe reliefartig, obwohl die Oberfläche flach ist - an diesem Detail bleibt man beim Fertigen tatsächlich hängen. Sinead, ein schlichtes Profil mit Eichenfurnier, zieht darum eine schmale Grenze. Die Maserung des Holzes läuft ruhig an den Kanten entlang, auf Gehrung geschnitten, ohne Zierrat. Zwischen Rahmen und Motiv bleibt ein grauer Rand stehen, der das Blatt atmen lässt. Mehr braucht dieses Motiv nicht.
Ein naturkundliches Blatt aus den 1830er Jahren, auf Stoff gebracht und in helles Holz gefasst: Das passt zusammen, weil beides unaufgeregt bleibt und den Vogel machen lässt. Bewegt man sich vor dem Bild, wandert ein weicher Schimmer über die satinierte Fläche, nie grell, eher wie ein Streifen mattes Seidenlicht - und gerade über dem tiefen Blau des Gefieders steht dieser Effekt dem Druck erstaunlich gut.