Über den Dächern einer dicht gebauten Stadt steht die Gerechtigkeit als große, beinahe schreitende Gestalt. In der erhobenen Hand trägt sie die Waage, während an ihrer anderen Seite das lange Schwert senkrecht emporragt: Abwägen und Entscheiden erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als zwei Teile derselben Aufgabe. Der Kopf wendet sich nach oben, das Gewand fällt in schweren Bahnen bis zu den bloßen Füßen, und hinter der Figur bläht sich ein Tuch in weiten Schleifen. Abraham Bosse ordnet diese Personifikation vor einen tiefen Stadtraum mit Türmen, Giebeln und winzigen Fenstern. Gerade dort zeigt sich seine Genauigkeit. Ein paar kurze Striche genügen für ein Dach, eng gesetzte Kreuzschraffuren verdichten den Rock zu Schatten, parallele Linien formen Himmel und Boden. Das Blatt von 1636 gehört zu Bosses Folge über die Tugenden. Der Pariser Kupferstecher erzählt die abstrakte Idee deshalb nicht fern und feierlich, sondern stellt sie mitten in eine erkennbare Welt. Schwarz und warmes Papierweiß bestimmen das Bild; Helligkeit entsteht allein durch den Abstand zwischen den Linien. Wer näher herangeht, erkennt sogar an den Füßen, an den Mauerkanten und im dunklen Sockel, wie bewusst Bosse jede Schraffur setzt.
Bei dieser Reproduktion trägt die Leinwand Leonardo (Satin) das alte Linienbild in 22 × 34 Zentimetern; ihre Oberfläche bleibt sichtbar, ohne die dünnen Konturen der Häuser oder die Schrift unter der Szene zu verschlucken. Den entscheidenden Ton setzt jedoch Heidrun. Das rund drei Zentimeter breite Profil führt außen ein tiefes Blau entlang, das nicht gleichmäßig lackiert erscheint: Bürstenspuren ziehen sich über die Fläche, dazwischen liegen hellere Stellen und kleine dunkle Verdichtungen. Dadurch wirkt die Farbe eher gewachsen als aufgetragen. Nach innen steigt das Profil über eine schmale Kante zur Goldzone an. Auch dieses Gold bildet keine glatte Fläche; feine Längslinien brechen seinen Glanz und lassen stellenweise einen bräunlichen Grund durchscheinen. Besonders genau lohnt sich der Blick auf die untere rechte Gehrung. Dort treffen die gerichteten Spuren beider Leisten sauber aufeinander, die Schnittlinie bleibt klar und läuft bis zur äußeren Spitze. Zwischen Blau und Gold zeichnet eine schmale, abgeriebene Kante den Profilwechsel nach; unmittelbar am Bild endet das Gold in einer dunklen Linie, die an der Ecke messerscharf zusammenläuft.