Kein Zentrum hält diese Komposition zusammen - stattdessen treiben rote Keile, blaue Bögen und schwarze Linienbündel über einen graugrünen Grund, der sie trägt wie trübes Wasser. Wer länger hinschaut, entdeckt Verdichtungen: links unten ein blaues Feld mit feinen weißen Zeichen, in der Mitte eine schwarze Form, aus der Strichbündel wie Grashalme wachsen, rechts eine große rote Rundung mit blauem Bogen. Wassily Kandinsky malt "Im Grau" 1919 in Moskau, in den unruhigen Jahren nach der Revolution, und das Bild markiert einen Übergang: Die freien, fast musikalischen Formen seiner Münchner Zeit sind noch da, doch sie ordnen sich bereits strenger, geometrischer - der Weg zum Bauhaus, an das er 1922 berufen wird, deutet sich an. Das Grau ist dabei kein stummer Hintergrund, sondern der Ton, der alle Buntheit dämpft und zusammenbindet; das Bild wirkt dadurch weniger laut als vieles von Kandinsky, eher nachdenklich, in sich gekehrt.
Für die Anfertigung trägt die satinierte Leinwand Leonardo das Motiv, in 60 x 44 cm, und ringsum bleibt ein schmaler Streifen des unbedruckten weißen Gewebes stehen. Genau dieser helle Rand entscheidet über die Wirkung: Er trennt Kandinskys gedämpfte Grautöne von der tiefschwarzen, leicht gerundeten Leiste namens Friedegarde, sodass das Schwarz nie direkt an das Bildgrau stößt. Ohne diesen Zwischenraum würden sich Rahmen und Grund vermutlich ineinander verlieren; so aber stehen die roten und blauen Formen zwischen zwei klaren Polen - Weiß innen, Schwarz außen. Dass ausgerechnet ein so schmaler schwarzer Rand einem Bild über das Graue diese Klarheit gibt, halte ich für die beste Entscheidung an diesem Stück.