Elf Engel tragen dasselbe Ultramarin wie die Jungfrau, und doch bleibt jedes Gewand einzeln lesbar - die Falten, die weißen Rosenkränze im Haar, die kleinen Abzeichen mit dem weißen Hirsch an jeder Brust. Das Motiv ist das Wilton-Diptychon, gemalt um 1395-99 von einem namentlich unbekannten Meister für den englischen König Richard II. Auf der linken Tafel kniet der junge König in einem goldgemusterten Mantel, hinter ihm stehen seine Fürsprecher: Johannes der Täufer mit dem Lamm sowie die heiligen Könige Edward und Edmund. Rechts empfängt Maria mit dem Kind die Huldigung, umgeben von der blauen Engelsschar, über der ein Engel das Banner mit dem Georgskreuz hält. Der punzierte Goldgrund, das fein gerissene Krakelee der alten Tafeln, sogar die mittige Scharnierfuge des klappbaren Andachtsbildes - all das übernimmt die Reproduktion, sodass der Objektcharakter des Diptychons erhalten bleibt, obwohl hier eine einzige Fläche hängt.
Gefertigt ist das Ganze im Format 66 x 48 cm auf Leonardo, einer satinierten Leinwand - und genau diese Oberfläche entscheidet, wie das viele Gold wirkt. Fällt Licht schräg auf die Fläche, hellt sich der punzierte Grund als Ganzes auf, ohne dass harte Spitzlichter entstehen; das Blau der Gewänder bleibt daneben tief und ruhig. Frontal betrachtet verschwindet der Schimmer fast völlig, und das Bild kippt ins Matte, Altarhafte. Dieses Umschlagen je nach Standpunkt hat mich beim Aufhängen tatsächlich kurz aufgehalten. Lena, ein schmales Goldprofil von nur 18 mm Breite, begrenzt das Blatt, ohne mit den gemalten Goldrahmen im Bild zu konkurrieren. Wandert man am Stück vorbei, läuft ein leiser Glanzstreifen über den Goldgrund mit - das Licht bewegt sich hier spürbar im Bild, nicht nur auf dem Rahmen.